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«Goethe machte 10-stündige Wanderungen»

Erstellt von Isabella Seemann |
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Auf seinen Schweiz-Reisen besuchte Goethe auch den Zürichsee. Margrit Wyder, profunde Kennerin seines Werks und Wirkens, begab sich auf des Dichters Spuren in der Region. Diesen Sommer kommt dann das dazugehörige zweibändige Buch «Goethes Schweizer Reisen» in den Handel.

Johann Wolfgang Goethe war der wohl bekannteste und literarisch bedeutendste Schweiz-Reisende aller Zeiten. Dreimal besuchte er auch den Zürichsee, den er nicht nur in einem berühmten ­Gedicht besungen, sondern auch immer wieder gern befahren hat. Auf Einladung des Vereins Ortsgeschichte Küsnacht beleuchtete die Goethe-Expertin Dr. Margrit Wyder in ihrem Vortrag «Goethe am Zürichsee» die Verbindung des berühmten Dichters zur Region – und klärte die Spekulationen um seinen Aufenthalt in Küsnacht auf.

Margrit Wyder, im Gegensatz zu unseren Nachbarstaaten gab es hierzulande nie Fürstenhöfe, wo sich die Intellektuellen ihrer Zeit aus ganz Europa trafen. Was zog Goethe also in die Schweiz?

Margrit Wyder: Auch Zürich war im 18. Jahrhundert ein kulturelles Zentrum in Europa, man nannte die Stadt sogar «Limmat-Athen». Und der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau hatte mit seinem Ruf «Zurück zur Natur!» ein neues Ideal in die Welt gesetzt. Die Schweiz wurde für junge Menschen ein Ziel, das versprach, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Natur zu erfüllen.

Bei jeder Schweiz-Reise verweilte Goethe am Zürichsee. Welche Bedeutung hat diese Gegend in seinem Leben und Werk?

In Zürich lebte der charismatische Pfarrer Johann Caspar Lavater, bei dem Goethe zu Gast war. Mit Lavater zusammen hat er am 15. Juni 1775 erstmals eine Fahrt auf dem Zürichsee unternommen, man besuchte Freunde des Pfarrers in Oberrieden und in Richterswil. Der See war damals auch die wichtigste Verkehrsader. Von Richterswil ist Goethe weiter nach Einsiedeln und zum Gotthard gereist. Die morgendliche Schiffsfahrt auf dem Zürichsee hat den jungen Goethe tief beeindruckt und regte ihn zu seinem Gedicht «Auf dem See» an. 1779 war er mit Herzog Carl August von Weimar wieder auf dem See unterwegs, um in Richterswil den weitherum bekannten Arzt Dr. Johannes Hotze zu besuchen. In späteren Jahren hat sich Goethe von Lavater entfremdet, der immer mehr missionarischen Eifer entwickelte. So hielt sich der Dichter 1797 bei seiner dritten Schweizer Reise lieber in Stäfa auf, wo sein Schweizer Freund ­Johann Heinrich Meyer herstammte. Goethe und Meyer wanderten dann gemeinsam vom Zürichsee aus nochmals zum Gotthard. Unterwegs in der Innerschweiz kam Goethe auf die Idee, die Sage von Wilhelm Tell in ein Versepos umzusetzen. Aus diesem Plan, zu dem er in Stäfa bereits Studien betrieb, wurde dann nichts – doch hat Goethe später in Weimar den Stoff an seinen Freund Schiller abgetreten, der daraus das bekannte Freiheitsdrama formte.

Was zeichnete die «Goldküste» im Zeitalter der Aufklärung aus?

Die vermögenden Stadtzürcher Familien hatten am See ihre Landsitze, wo sie sich im Sommer jeweils aufhielten. Man genoss hier die Natur, den Wein und die ­Gesellschaft. Bei einer solchen Familie war am 30. Juli 1750 der deutsche Dichter Friedrich Gottlob Klopstock zu Besuch, im sogenannten Kellergut in Goldbach. In Erinnerung an diesen Ausflug mit Freunden per Schiff schrieb er eine Ode mit dem Titel «Der Zürchersee». Das war natürlich eine tolle Empfehlung für die Gegend. 

1797 verbrachte Goethe mehrere Wochen in Stäfa bei seinem Schweizer Freund, dem Maler Johann Heinrich Meyer. Worüber die Küsnachter seither spekulieren: Hat Goethe nun auch Küsnacht besucht oder nur «vom Schiff aus gesehen»?

Ja, es gab in Küsnacht Vermutungen, dass Goethe wie einst Klopstock 1797 ebenfalls im Kellergut zu Gast gewesen sein könnte. Dafür gibt es aber keinerlei Hinweise, er ist hier leider nur vorbeigefahren. Goethe und Meyer besuchten jedoch bei diesem Aufenthalt am Zürichsee mehrmals die Familie Escher in der Schipf bei Herrliberg. Der junge Hans Caspar Escher und Meyer hatten sich in Rom befreundet. Dieser Escher wurde übrigens Architekt, nach seinen Plänen entstand zum Beispiel die Polizeihaupt­wache am Limmatquai in Zürich. Später gründete er die renommierte Maschinenfabrik Escher, Wyss und Co.

Goethe inspiriert seinerseits Dichter und Denker aus der Gegend. Welche Bewohner Küsnachts waren in seinen Spuren unterwegs?

Conrad Ferdinand Meyer, der einige Jahre in Küsnacht verbrachte, war ein grosser Verehrer Goethes und seiner Werke. Im 20. Jahrhundert ist Thomas Mann zu nennen, der 1933 bis 1938 hier wohnte. In den 1930er-Jahren wollte er eine Goethe-Biografie verfassen. Doch im Küsnachter Exil kam er auf die Idee, lieber etwas Fiktionales über Goethe zu schreiben. Ab 1936 entstanden hier die ersten Kapitel des humoristischen Romans «Lotte in Weimar». Der Inhalt beruht auf einer realen Begebenheit: Charlotte Buff, das Vorbild für die angebetete Lotte in Goethes Jugendwerk «Die Leiden des jungen Werther», hat im Alter Goethe einmal in Weimar besucht. Für Thomas Mann war diese Begegnung von 1816 die Möglichkeit, ein Goethebild zu entwerfen, das einen Gegenpol zur nationalis­tischen Goethe-Beweihräucherung in Deutschland bildete. Der Psychiater und Psychologe Carl Gustav Jung schliesslich, der sich 1909 in Küsnacht niederliess, setzte sich mit Goethes Werken, vor allem dem «Faust», oft auseinander. In seiner Familie gab es sogar das Gerücht, Jungs Grossvater sei ein ausserehelicher Sohn Goethes gewesen. Dies liess sich aber nie belegen, und Jung fand das Gerücht mit der Zeit eher lästig.

Im Juni erscheint Ihr zweibändiges Werk «Goethes Schweizer Reisen». Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Wenn man das heutige Reisen in der Schweiz mit den damaligen Umständen vergleicht, ist es erstaunlich, welche Strecken man trotzdem zurückgelegt hat. Goethe lernte vor allem auf der zweiten Reise von 1779 einen grossen Teil der Schweiz kennen. Dabei hat er etwa im Berner Oberland mehrmals acht- bis zehnstündige Wanderungen hinter sich gebracht und trotzdem immer wieder Zeit gefunden, seine Beobachtungen und Erlebnisse niederzuschreiben. 

Der zweite Band widmet sich der Praxis: Wandern auf Goethes Wegen. Haben Sie eine Empfehlung für die Gegend? 

1797 ist Goethe von Stäfa über den See nach Richterswil gefahren und von dort nach Hütten und weiter nach Einsiedeln gewandert. In Richterswil hat er bei Doktor Hotze im Haus an der Poststrasse 16 auch einmal übernachtet. Heute nimmt man für den Aufstieg nach Hütten am besten den Weg durch das Mülibachtobel. Im Dorf Hütten, das man nach rund zweieinhalb Stunden erreicht, erinnert das Restaurant Krone mit Sinnsprüchen des Dichters auf der Fassade an seinen berühmten Gast. Goethe lobte im Aufstieg die «herrliche Aussicht» auf den Zürichsee. Der einstige Weg nach Einsiedeln ist jetzt leider eine Autostrasse. Man kann aber bei Hütten die Sihl überqueren und etwas anstrengend, aber aussichtsreich via den Rossberg nach Biberbrugg gelangen – oder man kehrt zurück bis Samstagern und steigt dort in die Bahn. An einem heissen Tag ladet auch der kleine Hüttnersee zum Bade. 

Lesend und wandernd mit Goethe durch die Schweiz: Margrit Wyder, Barbara Naumann, Robert Steiger: «Goethes Schweizer Reisen». Band I: Tagebücher, Briefe, Bilder. Band II: 25 Wanderungen. Schwabe Verlag, Sommer 2023, ISBN 978-3-7965-4771-3, zus. ca. 49 Franken. Die zweibändige Ausgabe kommt im Sommer 2023 in den Buchhandel und kann bereits vorbestellt werden bei der Goethe-Gesellschaft Schweiz, Gässli 11, 8049 Zürich, Telefon 079 519 29 63.